Interview

„Jeder Einzelne macht den Unterschied“

02.10.2020

AHK debelux fragte den deutschen Botschafter in Brüssel, Martin Kotthaus, wie der 30. Jahrestag der deutschen Einheit gefeiert wird und was man in Europa aus der jetzigen Situation lernen kann.

Am 3. Oktober feiert Deutschland das 30-jährige Jubiläum seiner Wiedervereinigung 1990. Dieser Tag würde unter normalen Umständen Anlass zu einer großen Feier geben – gerade in der Hauptstadt Belgiens und Europas. Insbesondere da Deutschland derzeit den EU-Vorsitz innehat und Europa ohne den Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs heute nicht vereint wäre. Aber Covid-19 machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Der deutsche Botschafter in Brüssel, Martin Kotthaus, erläutert wie der Jahrestag dennoch Bedeutung in der Öffentlichkeit findet und was man in Europa aus der jetzigen Situation lernen kann.

Herr Botschafter, das 30. Jubiläum der deutschen Einheit trifft auf unglückliche Umstände. Gibt es Pläne, den 3. Oktober auch in Belgien zu feiern?

Natürlich können wir den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung nicht einfach so vergehen lassen. Aber ebenso natürlich müssen wir in Belgien, wie überall sonst auf der Welt, anders feiern: kleiner, mit mehr Abstand und auch sehr stark digital. Dank der Zusammenarbeit mit der Stadt Brüssel wird am Abend des 3. Oktober der Grand Place in Brüssel in den europäischen und deutschen Farben erstrahlen und es wird farbenfrohe Projektionen auf das Rathaus geben mit musikalischer Begleitung. Das Manneken Pis wird unweit davon einen Anzug in den deutschen Farben Schwarz, Rot, Gold tragen, der an die Wiedervereinigung erinnert.

Das Goethe-Institut wird zudem die „Verschwindende Wand“ am Grand Place aufstellen. Auf über 6000 Holzklötzen gravierte Zitate aus der europäischen Hoch- oder Popkultur, die im Winter in einem europaweiten Wettbewerb gesammelt wurden, werden in das Plexiglasgerüst der Wand eingefügt und bilden so eine spektakuläre Skulptur. Das Publikum kann die Holzklötze herausnehmen und hat auch die Möglichkeit, einen Lieblingsspruch mitzunehmen. So verschwindet die Wand Stück für Stück wie damals die Berliner Mauer. Am 30. August wurde die Wand in Danzig enthüllt und macht in Belgien in Antwerpen, Brüssel und Namur halt, bevor sie in insgesamt über 17 Länder Europas weiterreist.

Ich lade sie zudem alle herzlich ein, die vielfältigen Beiträge, die wir aus Anlass dieses besonderen Tages auf unseren digitalen Angeboten in Internet, facebook und Twitter anbieten und posten, anzuschauen.

Kann der Tag der Einheit, der ja nun auch noch in die deutsche EU-Präsidentschaft fällt, vielleicht auch ein Denkanstoß sein für Europa?

Die deutsche Einheit war ja nicht nur die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands. Es war auch die europäische Einheit, die wiederhergestellt wurde. Der Fall der Mauer hat das Ende der Trennung von West und Ost eingeläutet. Ohne unsere Partner und Nachbarn auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wäre die Einheit Deutschlands nie möglich gewesen. Und dafür sind wir bis heute dankbar. Nach den Aufständen in Berlin 1953, Ungarn 1956 und dem Prager Frühling 1968, hinterfragten seit Anfang der 80-ziger Jahren vor allem Polen mit der Solidarność-Bewegung um Lech Walesa das bestehende System. Und in der früheren Sowjetunion war Michail Gorbatschow entscheidend – die russischen Worte Glasnost und Perestroika sind uns noch immer präsent. 
Es waren also einerseits unsere Nachbarn im Osten, die Teile der „Mauer“ bereits aufgebrochen hatten, wie beim paneuropäischen Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze, der Besetzung der Botschaften in Prag und Budapest… Andererseits wäre die Wiedervereinigung ohne Zustimmung der westlichen Nachbarn nicht denkbar gewesen, von Präsident George Bush sen. in den USA über Präsident François Mitterand in Frankreich bis hin zu Premierministerin Maggie Thatcher in Großbritannien. So gesehen ist das 30. Jubiläum der deutschen Einheit auch ein Jubiläum der europäischen Einheit, der internationalen Verständigung.

In Deutschland plädieren Wirtschaftsvertreter für einen europäischen Ansatz der Reiseeinschränkungen und Risikozonen. Gibt es hierzu auch Bemühungen auf diplomatischer Ebene zwischen den Nachbarländern?

Es gibt jeden Tag Kommunikation zwischen Belgien und Deutschland. Am Anfang der Corona-Pandemie lief einiges sicher nicht ideal, aber nach zwei bis drei Wochen haben wir alle gemerkt, dass es zwingend erforderlich ist, zusammenzuarbeiten, wenn wir die Pandemie bewältigen wollen. Als Nachbarn stimmen wir uns auf föderaler und regionaler Regierungsebene ab. Das klappt gut im deutsch-belgischen Verhältnis. Insbesondere Ostbelgien ist beim Thema Grenzverkehr sehr engagiert.
Auf EU-Ebene hat Deutschland gerade die Präsidentschaft im Rat inne. Dadurch sind wir in der Frage der besseren Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten stark involviert und auch sehr interessiert an einem gemeinsamen europäischen Ansatz. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen, dass die Gesundheitspolitik nie vergemeinschaftet worden ist. Hinzu kommt, dass es in allen Ländern nationale und lokale Besonderheiten  gibt, die nicht immer international harmonieren. Nun müssen die Mitgliedstaaten versuchen, sich besser zu koordinieren und über einen Rahmen abzustimmen. Die Pandemie ist überall und nicht auf einzelne Länder beschränkt und Europa lebt von seinen offenen Grenzen, dem freien Austausch von Gütern, Dienstleistungen und der Freizügigkeit von Arbeitskräften.

Welche negativen oder positiven Folgen dieser Krise sehen Sie für die deutsch-belgischen Beziehungen?

Wir haben jetzt alle nach langer Zeit einmal wieder wirklich schätzen gelernt, wie wichtig offene Grenzen sind. Die Coronakrise hat uns vor Augen geführt, welche hohe Bedeutung Europa und offene Grenzen für die Menschen haben, wie wichtig es ist, sich frei zu bewegen zu können, zur Arbeit, zur Schule aber auch ins Restaurant oder Konzert... In den Benelux-Ländern und in der anschließenden Grenzregion in Deutschland leben die Menschen täglich eng zusammen. Der öffentliche Personennahverkehr geht über Landesgrenzen hinaus und teilweise hört man sogar die gleichen Werbebotschaften hier und diesseits der Grenzen. Während dieser Krise merkten wir, wie Grenzen wieder erlebbar, fühlbar und störend werden. Was Vielen selbstverständlich schien, wurde auf einmal wieder schwierig.
Wir haben in den deutsch-belgischen Beziehungen, denke ich, einmal mehr gesehen wie wichtig Koordinierung ist. Deshalb stimmen wir uns verstärkt regelmäßig u.a. in Telefonkonferenzen ab.

Wie empfinden Sie die Kontakt- und Reisebeschränkungen während ihrer Arbeit als Botschafter?

Ach, das ist schon manchmal ein bisschen schade. Ich finde es großartig, in Belgien Menschen zu begegnen, Städte und Dörfer, Firmen und Kultur kennenzulernen und zu erleben, dazu beizutragen, Netzwerke zu knüpfen. Ein großer Teil der Arbeit eines bilateralen Botschafters ist die Begegnung mit Menschen und das mache ich mit Begeisterung. Nun ist alles komplizierter geworden. Von großen Empfängen und kulturellen Veranstaltungen will ich gar nicht sprechen. Die Arbeit hat sich verändert. Dennoch versuchen wir, einige Dinge weiterzumachen bzw. zu ersetzen. So haben wir im Juli zum Auftakt der EU-Präsidentschaft den 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven mit kleinen Klavierkonzerten an sechs verschiedenen Orten in Brüssel gefeiert, wie Krankenhäusern oder öffentlichen Plätzen. Beethoven on the road sozusagen. Es fanden auch Konferenzen, Konzerte und Lesungen digital statt.

Denken Sie, dass der Einsatz digitaler Kommunikation in Zukunft eine wichtige Rolle in der Diplomatie spielen wird?

Die Krise hat Trends beschleunigt, die es vorher schon gab. Die Diplomatie ist in den letzten Jahren bereits digitaler geworden, insbesondere die Servicebereiche der Botschaften aber auch das mobile Arbeiten. Wir hatten bereits Videokonferenzen, dennoch fanden diese in geringerem Ausmaß statt und vor allem dann nicht, wenn sich die Teilnehmer in derselben Stadt befinden. Die europäischen bilateralen Botschafter in Brüssel z. B. treffen sich jetzt nicht mehr in einem Saal, sondern am Bildschirm. In unserem Botschaftsgebäude in Brüssel, welches wir mit der Ständigen Vertretung bei der EU teilen, haben wir momentan ein knappes Dutzend Videokonferenzsäle in Betrieb.

Digitale Kommunikation kann zwar internationale Konferenzen erleichtern - niemand muss mehr aus fernen Gebieten einfliegen etc. Aber es ist auch klar geworden, dass Videotelefonate nicht das persönliche Gespräch ersetzen können. Ich weiß, dass es besonders für Botschafter, die während der Krise in Belgien angekommen sind, schwieriger ist, zu Ansprechpartnern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, weil sie diese nur per Video kennenlernen können.

Inwiefern beeinflusst Covid-19 die Arbeit der gesamten Botschaft in Brüssel im Moment?

Auf dem Höhepunkt der Pandemie hatten wir die Botschaft in zwei Teams aufgeteilt, ein Teil blieb im Homeoffice und der andere im Büro. So konnten wir die sicherstellen, dass die Botschaft auch dann operativ bleiben würde, falls sich eine Kollegin oder ein Kollege anstecken würde und die Mitglieder dieses Teams in Quarantäne gehen müssten. Das ist aber erfreulicherweise nicht geschehen. Wir mussten während des Lockdowns einige Wochen lang die Rechts- und Konsularabteilung schließen, um den hiesigen Sicherheitsbestimmungen zur Eindämmung der Pandemie nachzukommen. Der Bereich konnte den Bürgern teilweise auf digitalem Weg helfen und als wir wieder aufmachen konnten, haben die Kolleginnen und Kollegen den Rückstau sehr schnell abgearbeitet.

Jetzt ist die Mehrzahl der Mitarbeiter wieder an ihrem Arbeitsplatz, aber Homeoffice bleibt weiter stark angeraten, wann immer möglich. Technisch gesehen haben fast alle Mitarbeiter die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten.

Wir haben uns daran gewöhnt, auf Abstand zu bleiben und mit technischen Hilfsmitteln zu arbeiten, aber trotzdem bleibt der soziale und persönliche Kontakt wichtig. Dieser ist nicht ersetzbar, so ticken wir Menschen nicht.

Welche Botschaft haben Sie an die Bewohner Belgiens und Deutschlands in der Coronakrise?

In gewisser Form haben diese Pandemie und der Mauerfall eine Gemeinsamkeit: Es kommt auf jeden Einzelnen an. Vor 31 Jahren waren es die Menschen, die die Mauer zu Fall gebracht haben. Es war auch die Entscheidung Einzelner, dass dies nicht blutig geschehen ist. Und auch jetzt kommt es auf jeden Einzelnen an. Jeder kann dazu beitragen, das Virus zu stoppen. Die Auflagen zur Einschränkung des Virus sind nicht so schwerwiegend, dass man sie nicht einhalten kann. Jeder einzelne macht den Unterschied. Jeder sollte Verantwortung zeigen zum Wohl der Gemeinschaft. Und eine zweite Lehre: unsere Produktions- und Handelswege, ja, unsere Wirtschaft muss resilienter, muss widerstandsfähiger werden. Auch daran gilt es zu arbeiten. Gemeinsam.

Vielen Dank, Herr Botschafter Kotthaus, für das Gespräch.